"Kultur statt Kriege – die sanfte Macht der Auswärtigen Kultur-und Bildungspolitik (AKBP)"

Michelle Müntefering MdB: Thesenpapier zur Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik

in: Kulturpolitische Mitteilungen (KuMi), Heft 155 IV/2016

Willy Brandt bezeichnete die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) als "dritte
Säule" deutscher Außenpolitik. In der Tat reiht sich die Kulturdiplomatie als tragender Pfeiler
neben die beiden anderen Säulen der Außenpolitik - die klassische Diplomatie und die
wirtschaftlichen Beziehungen.
Nicht zufällig sind es die sozialdemokratischen Außenminister, Willy Brandt und Frank-
Walter Steinmeier, die in ihren Amtszeiten die AKBP gestärkt und als wesentliches
Instrument ihrer Diplomatie genutzt haben. Denn: In der sozialdemokratischen Außenpolitik
ist die AKBP Mittlerin einer Friedenspolitik in der Welt. Sie zu stärken bedeutet, Räume für
Verständigung zu öffnen und demokratische Werte zu vertreten - auf Augenhöhe und ohne
die Attitüde der Besserwisserei. Die AKBP hilft, die wesentlichen Herausforderungen unserer
Zeit zu meistern. Dazu müssen wir sie gezielt einsetzen.

    • Potential ausschöpfen!
Die Tragkraft der dritten Säule wird immer noch unterschätzt. Das diplomatische Potenzial
von Kultur und Bildung ist längst nicht ausgeschöpft. Denn in Zeiten von immer komplexer
werdenden Krisen, verhärteten diplomatischen Fronten und unübersichtlichen
Stellvertreterkriegen wird die "sanfte Macht", mit der die AKBP wirkt, immer bedeutender.
Es sind nicht zuletzt die leisen Töne der Diplomatie, die Wege der Verständigung ebnen,
Gesprächskanäle offen halten und Freiheitsräume schaffen, in denen sich Zivilgesellschaften
begegnen können. Dies nannte Willy Brandt, die "Arbeit an der Weltvernunft".
Gerade weil sie im nicht unmittelbar politischen Raum agiert, hat die AKBP die Möglichkeit,
mit Hilfe von Sprache, kulturellem und wissenschaftlichem Austausch den Boden zu bereiten
für politische Verständigung und Zusammenarbeit. Kurz gesagt: Kultur statt Kriege.

    • Mittler fördern, Zivilgesellschaften stärken!
Die Mittlerorganisationen setzen diesen politischen Auftrag um, rund um den Globus: das
Goethe-Institut, das Netzwerk der deutschen Schulen im Ausland und die Partnerschulen, der
Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), das Deutsche Archäologische Institut
(DAI), das Institut für Auslandsbeziehungen (IFA), die Deutsche Welle, aber auch
verschiedene Stiftungen, wie etwa die Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH), die sich
aktiv in der AKBP engagieren.

Sie entwickeln die Infrastruktur für Kultur und Bildung im Ausland, vermitteln die deutsche
Sprache und unsere demokratischen Vorstellungen. Sie bewahren kulturelle Identitäten und
Kulturgüter und helfen beim Wiederaufbau. Aber sie schützen auch die Kulturschaffenden
selbst, etwa durch Programme für verfolgte Wissenschaftler und Künstler, wie es die Philipp-
Schwarz-Initiative erfolgreich zeigt.

Dies festigt internationale Beziehungen, aber trägt auch zu wirtschaftlichem und sozialem
Fortschritt bei, vermittelt demokratische Prinzipien und stärkt die Zivilgesellschaften. Das
hilft, kulturell, religiös oder weltanschaulich bedingten Konflikten und Krisen vorzubeugen
oder sie zu entschärfen.

    • Auf Augenhöhe agieren!
Die Förderung der kulturellen Vielfalt, die gemeinsame kulturelle Arbeit, der Jugend- Sportund
Künstleraustausch, die Förderung einer lebendigen Erinnerungskultur, der Austausch
zwischen Hochschulen und Forschungseinrichtungen und die Förderung von Wissenschaft
und Forschung selbst, ebenso wie die Entwicklung des Auslandsschulwesens: All dies ist
angelegt, um auf Augenhöhe und in Koproduktion zu wirken.
So schaffen wir im Ausland Vertrauen in Deutschland und vermitteln ein
wirklichkeitsgetreues und lebendiges Bild von unserem Land.

    • Bildungsbiografien unterstützen!
Gemeinsames Lernen, die Vermittlung der deutschen Sprache und der Jugendaustausch
helfen, das Wissen von und übereinander zu erweitern und junge Menschen weltweit
miteinander in Austausch zu bringen. Im Netz aus tausenden deutschen Auslandsschulen und
Partnerschulen (PASCH) begegnen sich zahlreiche Schüler, Lehrerinnen und Lehrer.
Sie erlernen die deutsche Sprache und gewinnen eine Bindung an unser Land. Spracherwerb
und Bildungsarbeit, die Erweiterung um die Inklusion, Projekte der Beruflichen Bildung und
der Erhalt der Attraktivität des Berufs als Auslandsschullehrer ermöglichen Teilhabe und
sichern die Zukunftsfestigkeit dieses wichtigen Teils der deutschen AKBP und wirken wie die
gesamte AKBP - über Generationen hinweg.

    • Internationale Kompetenzen auch im Inland nutzen!
"Innen" und "Außen" verschwimmen, sind in einer globalisierten Welt kaum mehr
auseinanderzuhalten. Deswegen gilt es die Kompetenzen derjenigen stärker als bislang auch
im Inland zu nutzen, die international erfahren sind. Wie wertvoll interkulturelles Verständnis
ist, zeigt sich aktuell an unseren Mittlerorganisationen, die ihre Auslandserfahrung bei der
Integrationsarbeit in unsere deutsche pluralistische Einwanderungsgesellschaft einbringen, ob
mit ausgezeichneten Sprach-Apps für Zuwanderer oder qualifiziertem Personal beim
Spracherwerb.

    • Zugang zu Kultur und Bildung schaffen, Fluchtursachen bekämpfen!
Ob Menschen einen Zugang zu Bildung und Kultur haben, ist eine entscheidende Frage der
Zukunft. Wenn Fluchtursachen bekämpft werden sollen, heißt das zuerst dabei zu helfen,
Menschen in ihren Ländern, den Krisenregionen in der Welt, wieder eine Perspektive auf ein
friedliches und gutes Leben zu geben. Bildungs- und Kulturprogramme in Krisenregionen und
in Zusammenarbeit mit den Drittstaaten sind dabei zentrale Elemente. Denn wo humanitäre
Hilfe gebraucht wird, da braucht es auch Hilfe zur Humanität. So wurde beispielsweise die
Anzahl der Stipendien für syrische Studierende verzehnfacht und die Möglichkeit für syrische
Flüchtlinge geschaffen, in Deutschland ein Studium an Universitäten und Hochschulen
aufzunehmen. Dort wird unter anderem auch das Wissen um Wiederaufbau kultureller
Infrastruktur vermittelt - entscheidende Qualifikationen und Hoffnung für eine Zeit nach der
Rückkehr.

    • Gedächtnis der Menschheit bewahren!
In den aktuellen Konfliktregionen werden Gesellschaften durch Plünderungen und
systematische Zerstörung von historischen Kulturgütern auch ihrer Wurzeln und ihrer
kulturellen Identität beraubt. Das sind Angriffe auf das kulturelle Gedächtnis der gesamten
Menschheit. Es zu schützen ist auch unsere Verpflichtung und Aufgabe der nächsten Zukunft.
Mit Hilfe des Deutschen Archäologischen Instituts werden jetzt unter anderem die
bedeutendsten historischen Stätten in Syrien digitalisiert, um nicht in Vergessenheit zu
geraten und in einer Zeit nach dem Krieg zusammen mit den Menschen wiederaufgebaut
werden zu können.

    • Europa kulturell zusammenführen!
Intensive Nachbarschaftsbeziehungen im Bereich Kultur und Bildung tragen zur europäischen
Integration bei: Innerhalb Europas und durch die auswärtigen Beziehungen der Europäischen
Union insgesamt. Doch die europäische Idee wird von vielen Seiten in Frage gestellt. Das
erfordert auch in Europa selbst ein aktiv gestaltendes Nachdenken darüber, wie etwa eine
europäische Öffentlichkeit in kultureller Vielfalt und Einheit, eine kulturelle Klammer
schaffen kann, die den "Staatenbund" auch in schwierigen Zeiten zusammenhält.

    • Zusammenwirken für den Frieden!
Die AKBP als Querschnittsthema zu den Bereichen Humanitäre Hilfe, Zivile
Krisenprävention und Entwicklungszusammenarbeit kann auch durch die kommunikative
Vermittlung der Themen und Inhalte der AKBP verstärkt dazu beitragen, Synergien zwischen
politischen Ressorts zu und den Mittlern zu schaffen, um im interdisziplinären
Zusammenwirken die Wirkungskraft zu stärken – im Mittelpunkt eine "Gesamtstrategie
Friedenspolitik".
Außenkulturpolitik sozialdemokratisch weiterzudenken heißt deswegen, stärker
wegzukommen von einer Außenpolitik der Staaten, hin zu einer Außenpolitik der
Zivilgesellschaften.
Menschen auf der Welt zu befähigen, am Fortschritt teilzuhaben, ist die Chance, in einer
globalisierten Welt wieder mehr Frieden und Demokratie zu schaffen.